Blog #7 – „Accentuate the Positive!…“ über Charakterstärken, Tugenden und Führung.

“Accentuate the Positive“, so lautete eines der letzten Alben des großartigen und legendären Jazz-Sängers Al Jarreau. Aber wenn es nur immer so leicht wäre mit der Betonung des Positiven, wie folgende persönliche Anekdote zeigt…

Schon während meiner Schulzeit habe ich mich über folgendes Erlebnis gewundert und geärgert: Als mäßiger Schüler – speziell in Mathematik  – habe ich mich gefreut, wenn meine Schularbeitsnoten von „Teufl, diesmal ganz ganz knapp an der Grenze, aber leider wieder mal ein Nicht-Genügend“ (Originalzitat eines Professors) auf ein „Genügend“, oder – schon seltener – ein „Befriedigend“ verbessern konnte. Das Feedback meiner Lehrer war aber nach dieser kleinen „Leistungssteigerung“ nicht wie in etwa erwartet „Du bist auf einem guten Weg, zumindest schon mal über 50% richtig“, sondern meist defizitorientiert wie „schon wieder fast 50% falsch“, also gemäß dem überholten Motto „Das Glas ist halb voll und nicht halb leer!“.

Auch in der traditionellen Personalentwicklung wird oft mit einer „Soll/Ist“ Analyse bei der Erhebung des Entwicklungsbedarfs vorgegangen. Das gewünschte Soll-Profil einer Stelle, wird mit dem tatsächlichen Ist-Profil einer Mitarbeiterin abgeglichen, um die identifizierten Defizite mit Entwicklungsmaßnahmen auszugleichen. Diese „Entwicklung“ ist somit orientiert am Mangel bzw. an den Schwächen einer Person.

In der aktuellen Führungspraxis ist auch eine an den Schwächen orientierte Haltung zu beobachten. Laut einer Umfrage von Gallup glauben Manager, dass der größte Spielraum für Leistungssteigerung in den Schwächen von Menschen liegt!

Um nicht missverstanden zu werden: Aus langjähriger Erfahrung weiß ich, dass Trainings- oder Coachingmaßnahmen „Defizite“ beseitigen und sich Mitarbeiterinnen „verbessern“ können. Aber vermutlich nur in Richtung „weniger schwach“ oder „leicht besser“. Es besteht somit die Tendenz einer mediokren Entwicklung, hin zur Mittelmäßigkeit.

Anstatt auf die Schwächen von Menschen zu schauen – ohne diese zu negieren bzw. natürlich professionell zu behandeln, wenn sie im Weg stehen, oder man darunter leidet – sollte vielmehr auf die vorhandenen Stärken gelegt werden, so ein wesentlicher Grundgedanke der Positiven Psychologie. Positiv formuliert bedeutet das, dass Mitarbeiterinnen idealerweise täglich ihre Stärken und Kompetenzen am Arbeitsplatz einbringen können, gemäß dem „Job-Person“ fit. Aber wie wissen wir eigentlich wirklich welche Stärken, Leidenschaften und Talente wir haben?

Tugenden, Charakter- und Signaturstärken

Die eigenen Stärken zu identifizieren fällt uns nicht leicht, da sie als selbstverständlich erlebt werden. Das Bewusstmachen der eigenen Stärken braucht daher fundierte Selbstreflexion und Feedback durch andere.

Dazu wurden in den letzten Jahren viele Modelle und Tools entwickelt, um Stärken zu definieren, besser zu verstehen und vor allem zu „messen“. Für mich ist das „VIA-Values in Action“-Modell der Tugenden und Charakterstärken am tauglichsten und bahnbrechendsten. Es ist ein zentrales Konzept der Positiven Psychologie und wurde von C. Peterson und M. Seligman entwickelt (siehe Abbildungen 1 und 2).

Abbildung 1: Tugenden der Positiven Psychologie (eigene Darstellung)

Die Entwicklung der Charakterstärken erfolgte in jahrelanger Forschungsarbeit von einem „All-Star“-Team der Positiven Psychologie über die Erhebung von erstrebenswerten Stärken, Werten und Tugenden aus verschiedenen Kulturen, Zeitepochen und Disziplinen wie Religion, Psychologie, Philosophie etc. (vgl. Ebner 2019). Diese beeindruckenden Erkenntnisse wurden dann in einem Opus Magnum mit über 800 Seiten verewigt (siehe vertiefende Literaturhinweise)

Ergebnis ist das Modell der 24 Charakterstärken, die 6 Tugenden zugeordnet werden („Stärkenfamilien“). Die Charakterstärken zeigen Wege, wie diese Tugenden jeweils konkret in die Tat umgesetzt werden können. Jeder Mensch hat somit ein momentanes und individuelles Stärkenprofil, mit denen er/sie sich stark identifiziert und die ein wesentlicher Bestandteil seines Lebens sind (sog. Signaturstärken) und den Weg zur Entwicklung eines Talents ermöglichen (personal Mastery). Bisherige Schätzungen gehen davon aus, dass jeder Mensch drei bis sieben dieser besonderen Signaturstärken hat.

Abbildung 2: Tugenden und Charakterstärken der Positiven Psychologie (eigene Darstellung)

Stärkentests – „Verleihen Sie Ihrer Karriere Flügel“

Gemäß diesem Red Bull-Motto, gibt es zahlreiche wissenschaftlich fundierte Persönlichkeitstests, die sich auf Ihre Stärken konzentrieren, öffentlich zugängig und meist kostenlos sind (siehe Linksammlung).

Diesmal endet der Blog ausnahmsweise (noch) nicht mit Empfehlungen und Praxistipps für Führungskräfte, sondern mit der Einladung den einen oder anderen Test selbst auszuprobieren, dann Feedback von anderen einzuholen und aus seinem individuellen Stärkenprofil zu lernen. Sie werden sehen, es lohnt sich wirklich! Die Beantwortung des Charakterstärkentests der Uni Zürich beispielsweise umfasst ca. 220 Fragen und dauert 30-45 Minuten. Ähnlich der Signaturstärkentest. Diese Tests sind für MitarbeiterInnen, als auch für Führungskräfte geeignet und erkenntnisreich.

Ausschließlich für Führungskräfte sind die PERMA-Lead Tools zu empfehlen. Durchführbar und kostengünstig als Profiler Variante (Self-Assessment) und/oder als 360-Feedback durch zertifizierte PERMA-Lead Consultants.

Teil 2 dieses Blogbeitrags startet mit einem Outing meiner Charakter- und Signaturstärken 🙂 und leitet dann über was stärkenorientierte Führung bedeutet. 

Bis dahin höre ich wieder mal Al Jarreau:„…eliminate the negative, bring gloom down to the minimum, You`ve got to spread joy up to the maximum, You`ve got to accentuate the positive”:

Linksammlung Stärkentests

Charakterstärkentest Universität_Zürich

Values_in_Action_VIA_Charactertest_englisch

Red_Bull_Wingfinder_Test

Clifton_Strengths_Test_Gallup

PERMA_Lead_Stärkentests_für_Führungskräfte

Vertiefende Literatur:

PETERSON Christopher, SELIGMAN Martin (2004): Character, Strengths and Virtues. A Handbook and classification, Oxford University press. Link als E-Book:

http://ldysinger.stjohnsem.edu/@books1/Peterson_Character_Strengths/character-strengths-and-virtues.pdf

EBNER Markus (2019): Positive Leadership. Erfolgreich führen mit PERMA-Lead, die 5 Schlüssel zur High-Performance. Facultas

Leadership Development – Change Kompetenzen erfolgreich entwickeln (2020). Skriptum ELG/E-Learning Group

Inspiration und Danksagung:

Ich möchte mich bei Dr. Markus Ebner für die zahlreichen Impulse und praxisorientierten Tools aus der  Positiven Psychologie im Rahmen meiner „Positive Leadership – PERMA Lead“ Zertifizierung bedanken. Es war eines der wenigen Zeitfenster und somit Micromoments im Herbst 2020, wo ein Training noch „face-to-face“ – also live – mit viel Abstand in einem wunderschönen Seminarraum in Salzburg stattfinden konnte.

Eine weitere Quelle für Inspiration zu diesem Beitrag war die Internationale Online Conference „Hope & optimism“ im Februar 2021 (ungemein toll und engagiert organisiert von Dr. Philip Streit von der Akademie für Kinder, Jugend und Familie). U.a. mit Beiträgen von Joachim Bauer zur Wichtigkeit von Empathie in der Pandemie, und als highlight einer key-note von Martin Seligman „With Agency towards a positive future“. Ein Quantum Trost sozusagen in Zeiten der Unsicherheit…

@TeuflStefan; stefanteufl607@gmail.com

Instagram.com/teuflsblog

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